Hiroshima – Eine getroffene Stadt

Von Kurashiki zog sich die Fahrt durch einen tolle, abwechslungsreiche Landschaft in der Regionalbahn etwas. Circa drei Stunden brauchte der Zug bis Hiroshima. Dort checkte ich erst mal im Hotel ein und machte mich dann auf den Weg, die Umgebung zu erkunden.

Dabei gelangte ich nach etwa 15 Minuten Fußweg durch das Vergnügungsviertel und die Hauptgeschäftsstraße zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die an der Nordspitze einer Insel im Ota-Fluss liegen.

Der A-Bomb Dome (Friedensdenkmal)

Das Gebäude, von einem tschechischen Architekten entworfen, wurde im April 1915 fertiggestellt und als „Produktausstellungshalle der Präfektur Hiroshima“ genutzt. Das Gebäude wurde am 6. August 1945 um 8:15 Uhr Ortszeit durch die vom US-Bomber Enola Gay abgeworfene US-amerikanische Atombombe „Little Boy“ zerstört und brannte völlig aus. Alle zu diesem Zeitpunkt darin arbeitenden Menschen kamen um.

Trotz des geringen Abstands vom Epizentrum der Atombombe blieben viele Gebäudestrukturen erhalten, unter anderem die charakteristische Stützkonstruktion des Kuppeldachs, der das Denkmal seinen heutigen Namen verdankt. Die Überreste werden seit dem Abwurf in ihrem damaligen Zustand konserviert.

Der A-Bomb Dome in Hiroshima - Zeuge des Atombombenangriffs
Der A-Bomb Dome in Hiroshima – Zeuge des Atombombenabwurfs

Im Dezember 1996 erklärte sie die UNESCO zum Weltkulturerbe mit der Begründung, dass es „nicht nur ein starkes Symbol der zerstörerischsten Kraft sei, die je von der Menschheit geschaffen wurde; es drücke zudem die Hoffnung auf Weltfrieden und der endgültigen Beseitigung aller Kernwaffen aus“.

Am 28. Mai 2016 besuchte Barack Obama als erster US-amerikanischer Präsident den Friedenspark in Hiroshima.

Der Peace Memorial Park

Der Park wurde nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki in Übereinstimmung mit dem Hiroshima Peace Memorial City Construction Law aus dem Jahr 1948 angelegt. Ziel war es, den Stadtteil Nakajima, der sich auf einer Insel zwischen den Flüssen Motoyasu-gawa und Honkawa befand und über dem die Atombombe detoniert ist, nach seiner vollständigen Zerstörung als Naherholungsgebiet für die Stadtbevölkerung wieder aufzubauen. Gleichzeitig sollte der Park als Gedenkstätte die Möglichkeit bieten, um die Opfer zu trauern und über die Auswirkungen einer Atombombe nachzudenken, aber auch als Wahrzeichen für den Frieden gelten.

Der Park ist so angelegt, dass das Friedensdenkmal, der Friedensteich, die Friedensflamme, der Kenotaph, das Friedensmuseum, der Brunnen der Gebete, die Statue von Mutter und Kind im Sturm und die Tore des Friedens mittig auf einer Linie liegen, wobei der Kenotaph das Zentrum bildet. Es ergibt sich vom Friedensdenkmal aus eine durchgängige Sichtachse in ebenjener Reihenfolge.

Jedes Jahr am 6. August findet im Park anlässlich des Jahrestags des Atombombenabwurfs eine Friedenszeremonie statt. Während der Feierlichkeiten trägt der amtierende Bürgermeister von Hiroshima die Friedensdeklaration vor, die an alle Staaten weltweit appelliert, Atomwaffen abzuschaffen und für Weltfrieden einzutreten. Um 8:15 Uhr, dem Zeitpunkt der Detonation, wird mit der Friedensglocke eine Schweigeminute eingeläutet. Nach Einbruch der Nacht werden unzählige Papierlaternen entzündet und auf den Fluss gesetzt und treiben gelassen.

Die Friedensglocke

Die Glocke wurde 1964 von der A-bomb Survivor Hiroshima Hope Fruition Society gestiftet. Auf der Oberfläche der Glocke ist eine Welt ohne Grenzen zu sehen, an der Schlagstelle befindet sich ein Atomsymbol. Die Friedensglocke und ihre Aufhängung sind von einem Wasserbecken mit Lotosblumen umgeben.

Friedensglocke im Peace Memorial Park in Hiroshima
Friedensglocke im Peace Memorial Park in Hiroshima

Kinderfriedensmonument

Das Monument wurde 1958 errichtet und Sadako Sasaki gewidmet. Sadako Sasaki war zum Zeitpunkt des Atombombenabwurfs 2½ Jahre alt und hielt sich zu Hause auf, als die Bombe in ungefähr zwei Kilometern Entfernung explodierte. Sie wurde aus dem Fenster geschleudert und ihre Mutter lief raus, um sie zu finden, ihre Tochter tot vermutend fand sie sie stattdessen lebend ohne offensichtliche Verletzungen. Während sie flohen, wurden Sadako und ihre Mutter von nuklearem Niederschlag erwischt. Ihre Großmutter eilte zurück ins Haus und war nie wieder zu sehen. Anschließend wuchs Sadako wie jedes andere Mädchen auf und wurde ein wichtiges Mitglied des Staffel-Teams ihrer Klasse. Sie lief die 50 Meter in 7,5 Sekunden.

Im November 1954 entwickelte Sadako Schwellungen an ihrem Hals und hinter ihren Ohren. Im Januar 1955 hatte sich Ausschlag auf ihren Beinen gebildet. Anschließend wurde eine akute bösartige Lymphdrüsen-Leukämie diagnostiziert (ihre Mutter bezeichnete sie als „Atombombenkrankheit“). Sie wurde am 20. Februar 1955 ins Krankenhaus eingeliefert und erhielt höchstens ein Jahr als Prognose.

Sadako wurde als Patientin am Roten Kreuz Krankenhaus Hiroshima für die Behandlung und Bluttransfusionen am 21. Februar 1955 zugelassen. Ihre Zahl der weißen Blutkörperchen war zu diesem Zeitpunkt sechsmal höher als die eines durchschnittlichen Kindes.

Im August 1955, nach zwei Tagen Behandlung, wurde sie in ein Zimmer mit einer zwei Jahre älteren Mitbewohnerin verlegt. Diese Mitbewohnerin erzählte Sadako eine japanische Legende, nach der derjenige, der 1.000 Origami-Kraniche falte, von den Göttern einen Wunsch erfüllt bekäme. Sie begann daraufhin, während ihres mehrmonatigen Krankenhausaufenthaltes Papierkraniche zu falten. Nachdem sie innerhalb von weniger als einem Monat 1.000 Kraniche fertiggestellt hatte, setzte sie ihre Arbeit in der Hoffnung auf Heilung fort. Ihr Bruder Masahiro Sasaki spricht von insgesamt rund 1.600 Kranichen, die Sadako bis zu ihrem Tod faltete.

Am Morgen des 25. Oktober 1955 starb Sadako im Alter von 12 Jahren.

Kinderfriedensmonument im Peace Memorial Park in Hiroshima
Kinderfriedensmonument im Peace Memorial Park in Hiroshima

Nach ihrem Tod entstand durch die Unterstützung von 3100 Schulen innerhalb und außerhalb Japans diese neun Meter hohe Bronzestatue. Auf der Spitze der dreibeinigen Kuppel steht die Figur eines Mädchens, das einen Origami-Kranich in die Höhe hält. Auf dem Sockel befindet sich eine Inschrift: „Dies ist unser Ruf. Dies ist unser Gebet. Für den Aufbau von Frieden in der Welt.“ Rund um das Denkmal herum befinden sich Schaukästen mit tausenden aufgefädelten Papierkranichen, die als Symbol der Friedensbewegung und des Widerstandes gegen den Atomkrieg von Kindern aus aller Welt gefaltet wurden.

Kinderfriedensmonument im Peace Memorial Park in Hiroshima
Kinderfriedensmonument im Peace Memorial Park in Hiroshima

Friedensflamme

Das Gebilde wurde von Kenzo Tange entworfen und stellt zwei zusammengelegte Hände dar, die sich wie ein Kelch nach oben hin öffnen. In ihrer Mitte brennt ein „ewiges Feuer“, das seit dem 1. August 1964 nicht mehr erloschen ist und brennen soll, bis der Tag kommt, an dem alle Atomwaffen von der Erde verschwunden sind.

Im Peace Memorial Park in Hiroshima
Im Peace Memorial Park in Hiroshima

Der Kenotaph

Der steinerne Kenotaph, errichtet am 6.August 1952, beinhaltet eine Liste von verstorbenen Opfern aller Nationalitäten. Die Liste wird stetig erweitert, am 6. August 2016 umfasste sie 111 Bände mit 303.195 Namen. Auf dem Stein steht geschrieben: „Mögen alle Seelen hier in Frieden ruhen, denn wir werden die Katastrophe nie wieder zulassen“.

Kenotaph im Peace Memorial Park in Hiroshima
Kenotaph im Peace Memorial Park in Hiroshima

Das Hiroshima Peace Memorial Museum

Das Museum informiert detailreich, anschaulich, wissenschaftlich und hintergründig über den Abwurf der ersten Atombombe in der Geschichte der Menschheit. Der östliche Gebäudeteil, der derzeit leider renoviert wird, zeigt die Entwicklung der Stadt vor und nach der Atombombe, während der Westteil Gegenstände aus dem Besitz der Opfer, Fotografien und Zeichnungen präsentiert.

Im Hiroshima Peace Memorial Museum
Im Hiroshima Peace Memorial Museum

Es wird aufgezeigt, wie und warum letztlich Hiroshima als Ziel des atomaren Angriffs wurde. Bereits am 27. April 1945 hatten die USA 17 mögliche japanische Gebiete, darunter die Tokio-Bucht, Kyoto, Yokohama, Hiroshima und Nagasaki, ausgewählt. Am 16. Juli gelang der erste erfolgreiche Atombombentest in der Wüste von Nevada. Nur neun Tage später wurden die Ziele auf Hiroshima, Kokura, Niigata und Nagasaki eingeschränkt, bevor am 1. August der endgültige Befehl erteilt wurde, dass Hiroshima das erste Ziel sein sollte. Neben der Geschichte Hiroshimas und seiner Bedeutung als Rüstungsstandort war es vor allem die Stadtgröße, die dem Wirkungskreis der Bombe entsprechen sollte.

"Little Boy" im Hiroshima Peace Memorial Museum
„Little Boy“ im Hiroshima Peace Memorial Museum

Am Morgen des 6. August startete die Enola Gay mit der Atombombe an Board zusammen mit zwei Begleitflugzeugen, eines mit Messinstrumenten, das andere für Foto- und Filmaufnahmen. Ziel des Bombenabwurfs war die T-förmige Aioi-Brücke. Die Bombe explodierte in einer Höhe von rund 580 Metern etwa 300 Meter südöstlich vom angepeilten Ziel.

Im Hiroshima Memorial Peace Museum
Im Hiroshima Memorial Peace Museum

Shinichi Tesutani, 3 Jahre und 11 Monate alt, fuhr an diesem Morgen auf seinem Dreirad vom dem Haus herum, als er und sein Dreirad von einem grellen Blitz stark verbrannt wurden. In der selben Nacht starb er. Sein Vater war der Meinung, so ein kleiner Junge sollte nicht in einem einsamen Grab bestattet werden, und daran denkend, er könnte weiter mit seinem Dreirad spielen, begrub er seinen Sohn mitsamt Dreirad im Garten.

Im Hiroshima Peace Memorial Museum
Im Hiroshima Peace Memorial Museum

40 Jahre später, im Sommer 1985, begrub der Vater seinen Sohn im Familiengrab und stiftete das Dreirad und den Helm seines Sohns dem Museum.

Es sind noch viele weitere Überreste und Exponate ausgestellt, die eindrücklich die Wucht und Folgen der Explosion vermitteln. Es wird geschätzt, dass unmittelbar nach der Explosion 70.000 bis 80.000 Menschen sofort tot waren. Bei Menschen, die sich im innersten Stadtkern aufhielten, verdampften buchstäblich die obersten Hautschichten. Der gleißende Blitz der Explosion brannte Schattenrisse von Personen in stehengebliebene Hauswände ein, ehe die Menschen von der Druckwelle fortgerissen wurden. Die überwiegend unmittelbar bei der Explosion freigesetzte nukleare Strahlung tötete in den Wochen darauf zahlreiche weitere Einwohner, die zwar nicht der unmittelbaren Druck- und Hitzewelle zum Opfer gefallen waren, jedoch tödliche Strahlendosen erhalten hatten. Viele, die vor der unerträglichen Hitze an den Fluss geflohen waren und von kontaminiertem Wasser tranken, hatten daraufhin Haarausfall, bekamen purpurrote Flecken am ganzen Körper und verbluteten dann qualvoll an inneren Verletzungen. Insgesamt starben bei dem Abwurf samt den Spätfolgen bis 1946 unterschiedlichen Schätzungen zufolge 90.000 bis 166.000 Menschen.

Das alles sollte uns mehr als eine Mahnung sein, nie wieder auch nur daran zu denken, solche eine Waffe jemals wieder einzusetzen. Der Besuch des Museum hinterließ mich traurig und zutiefst berührt. Das Leid und die unmenschlichen Schicksale und Qualen nahmen mich mit, ähnlich schlimm wie beim Besuch des Tuol Sleng Museums und der Killing Fields in Phnom Penh, Kambodscha, wo den Opfern des Pol Pot Regimes gedacht wird.

Das Wetter an diesem Tag passte nun genau zu meiner Stimmung. Es schüttete in Strömen, als wurde auch der Himmel die Opfer beweinen.

Nun möchte ich weder mich noch euch in dieser Stimmung zurück lassen und schließe das Kapitel Hiroshima noch mit einer kulinarischen Spezialität.

Okonomiyaki

Traditionell wird Okonomiyaki am Tisch auf einer heißen Eisenplatte (jap. Teppan) mithilfe eines Spatels gebraten. Die Grundzutaten sind Wasser, Mehl, Ei und Dashi (japanischer Fischsud), weitere Zutaten werden nach Belieben hinzugefügt. Dafür eignen sich unter anderem alle Fleisch- und Fischsorten, Gemüse, Mochi (japanischer Reiskuchen) oder Käse.

Bei der Version aus Hiroshima wird zuerst ebenfalls eine Art Crêpe aus den Grundzutaten auf dem Teppan zubereitet. Auf diesem wird der in feine Streifen geschnittene Kohl und die Gewürze, darauf klein geschnittenes Fleisch und Meeresfrüchte geschichtet und zusammen gegart. Während dessen werden gekochte Soba (Buchweizennudeln) gesondert auf dem Teppan gebraten und anschließend auf dem Fladen verteilt. Das Ganze wird auf der Platte gewendet und mit den Nudeln nach unten weiter gebacken. Dann wird das Okonomiyaki auf ein extra vorbereitetes Ei gelegt, gebraten und anschließend noch einmal umgedreht. Anschließend wird das ganze mit einer Soße bestrichen und mit frischen, in feine Ringe geschnittenen Frühlingszwiebeln garniert. Zum Schluss kommt in die Mitte noch ein Eigelb drauf. Die Portionen werden mit einem Spachtel portionsweise abgestochen und auf das eigene Essgeschirr gelegt und mit Okonomiyaki-Sauce verzehrt.

Die Spezialität Hiroshimas - Okonomiyaki im Entstehungsprozess (jeweils von links)
Die Spezialität Hiroshimas – Okonomiyaki im Entstehungsprozess (jeweils von links)

Guten Appetit!

Die Spezialität Hiroshimas - Okonomiyaki
Die Spezialität Hiroshimas – Okonomiyaki

Meine Ziele in Hiroshima in der Übersicht