Meine Deutschlandtour – 3. Etappe von Willebadessen nach Liebenau

Gegen 6 Uhr wache ich auf und fühle mich sogar recht ausgeschlafen. Das frühe Aufstehen kommt gar nicht so ungelegen, da heute meine persönliche Königsetappe auf mich wartet. Die 3. Etappe von Willebadessen nach Liebenau mit 134 Kilometern und 930 Höhenmetern liegt vor mir. Doch zunächst heißt es erstmal kräftig frühstücken, was bei der reichhaltigen Auswahl nicht schwer fällt.

Ausgiebiges Frühstück im velcrea Hotel in Willebadessen
Ausgiebiges Frühstück im velcrea Hotel in Willebadessen

3. Etappe von Willebadessen im Teutoburger Wald nach Liebenau

Streckenverlauf

Höhepunkte entlang der Strecke

Viertel nach sieben starte ich bei frischen 14 Grad und bewölktem Himmel. Doch gleich zu Beginn gilt es erstmal, einen acht Kilometer langen Anstieg mit einer durchschnittlichen Steigung von 5% zu bewältigen. Das war angesichts der Temperaturen und leichtem Tröpfeln genau das Richtige, um warm zu werden.

Danach geht es wellig weiter, bis ich in Altenbeken rechts in einen Anstieg nach Veldrom/Feldrom einbiege, der sich über sechs Kilometer hinzieht. Hier wähne ich mich weniger in Nordrhein-Westfalen als vielmehr im Allgäu oder in den Alpen. Dunkle Nadelwälder säumen die einsame schmale Landstraße, nur an und zu von kleinen Lichtungen und Almwiesen unterbrochen. Da kommt richtiges Urlaubsgefühl auf. Auf dem Scheitelpunkt angekommen, werde ich mit einer rund 15 Kilometer langen Abfahrt nach Detmold belohnt, meinem nächsten Fotostopp. Kurz vor Detmold zeigt ein Hinweisschild davon, dass ich nun auf der Straße der Weserrenaisssance unterwegs bin.

Fürstliches Residenzschloss in Detmold

Detmold, die etwa 75.000 Einwohner zählende und am nördlichen Rand des Teutoburger Waldes liegende Stadt im Kreis Lippe in Nordrhein-Westfalen, erreiche ich kurz nach halb neun nach 42 Kilometern und noch nicht einmal zwei Stunden Fahrzeit. Sehenswert sind insbesondere die historische Altstadt rund um den Marktplatz sowie das fürstliche Residenzschloss.

Das Residenzschloss im Stil der Weserrenaissance in Detmold
Das Residenzschloss im Stil der Weserrenaissance in Detmold

Das Fürstliche Residenzschloss Detmold liegt im Nordwesten der historischen Altstadt und umfasst mit dem Schlossplatz und Burggraben etwa ein Viertel des Stadtkerns. Das Fürstliche Residenzschloss bildet das bedeutendste historische Bauwerk der Stadt und stellt eine hervorragende architektonische Schöpfung der Weserrenaissance dar. Beherrscht wird das Schloss vom mittelalterlichen Turm und einem vierflügeligen Anbau mit reicher Renaissance-Fassade, der in den Jahren 1550–1557 entstand. Im Schlosshof befinden sich vier Treppentürme und eine klassische Bogengalerie mit Wappensteinen. Teile des Schlosses werden von Stephan Prinz zur Lippe und seiner Familie bewohnt.

Martin-Luther-Kirche in Detmold
Martin-Luther-Kirche in Detmold

Nach diesem Fotostopp lege ich die nächsten 11, eher flachen Kilometer in weniger als einer halben Stunde zurück, bevor ich nach Lemgo rein rolle.

Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo

Was ich bisher auch noch nicht wusste, ist, dass Lemgo seit dem Spätmittelalter Mitglied der Hanse war und sich seither Alte Hansestadt nennt. Lemgo ist eine Hochschulstadt mit rund 45.000 Einwohnern und überregional durch die Erfolge der Bundesligahandballmannschaft des TBV Lemgo bekannt.

Die St. Marien-Kirche in Lemgo
Die St. Marien-Kirche in Lemgo

Da Lemgos historischer Stadtkern den Zweiten Weltkrieg völlig unzerstört überstanden hat, blieb der städtebauliche Gesamtcharakter mit den Zeugnissen aus der Zeit der Renaissance erhalten. Besonders sehenswert sind das Rathaus und das Hexenbürgermeisterhaus.

Das wunderschöne Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo
Das wunderschöne Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo

Das bekannteste Haus Lemgos ist das sogenannte Hexenbürgermeisterhaus aus dem Jahre 1571 mit einer Fassade im Stile der Weserrenaissance. Seinen ungewöhnlichen Namen hat es von seinem im 17. Jahrhundert amtierenden Bürgermeister Cothmann, der aus Machtgier den Hexenwahn nutzte, um seine politischen Gegner aus dem Feld zu räumen. Damit dies nicht zu deutlich wurde, ließ er einige weitere Dutzend Bürger umbringen, Frauen wie Männer.

Hinter Lemgo bleibt es anfangs noch hügelig und die Landschaft ist geprägt von Landwirtschaft, Landwirtschaft und nochmal Landwirtschaft. Kornfelder wechseln sich mit Feldern, mit doppeltmannshohem Mais bewachsen, und Weideflächen ab.

Ab Vlotho ist die Strecke überwiegend flach und ich kann ordentlich Tempo machen. Nachdem mein geplanter Mittagsstopp Corona zum Opfer gefallen ist, fahre ich durch bis in Richtung Minden.

Kaiser-Wilhelm-Denkmal oberhalb von Porta Westfalica
Kaiser-Wilhelm-Denkmal oberhalb von Porta Westfalica

Auf einem Hügel oberhalb des linken Weserufers weist mir das Kaiser-Wilhelm-Denkmal den Weg nach Minden. Das Denkmal steht oberhalb von Porta Westfalica am Weserdurchbruch, in dem die Weser durch das Gebirgstor aus dem Weser- und Wiehengebirge in die Norddeutsche Tiefebene übergeht. Porta Westfalica ist übrigens der einzige Ort Deutschlands mit lateinischem Namen.

Bei Kilometer 90 erreiche ich schließlich Minden, wo sich Mittellandkanal und Weser kreuzen.

Minden mit Schiffmühle, Dom, Fischerstadt und Schachtschleuse

In der Stadt finden sich zahlreiche Bauten der Weserrenaissance sowie der Mindener Dom, der als ein wichtiges architektonisches Wahrzeichen gilt. Das macht die Stadt auch für mich interessant, da sich hier jede Menge Fotomöglichkeiten bieten. Und ich werde durchaus belohnt.

Der Dom zu Minden
Der Dom zu Minden

Rund um den gotischen Dom liegt der Siedlungskern und die heutige Altstadt Mindens. Neben dem Dom wird in der Domschatzkammer der im Bistum gesammelte Mindener Domschatz ausgestellt. Allerdings ist das Domschatzgebäude ein hässlicher, funktionaler Bau, vermutlich aus den 70ern. Westlich des Doms befindet sich das Alte Rathaus mit einem Laubengang aus dem 13. Jahrhundert, der den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstand.

Marktplatz in Minden mit dem Alten Rathaus mit Laubengang
Marktplatz in Minden mit dem Alten Rathaus mit Laubengang

Nördlich des Stadtkerns am linken Weserufer liegt die Fischerstadt mit Teilen der Stadtmauer, die zu den Befestigungsanlagen gehörte.

Die Fischerstadt in Minden
Die Fischerstadt in Minden

Die Schiffmühle liegt ebenfalls am linken Weserufer, aber etwa 900 Meter weiter südlich. Die Mühle gehört zur Westfälischen Mühlenstraße, die 43 restaurierte Mühlen zu einer erfahrbaren Route verbindet. Die nachgebaute Schiffmühle wurde 1998 in Betrieb genommen und ist von zwei Bootsrümpfen getragen. Sie wird von einem zehnarmigen Schaufelrad, mit einem Durchmesser und einer Breite von je 5 Metern, angetrieben.

Eine Schiffsmühle am Ufer der Weser in Minden
Eine Schiffsmühle am Ufer der Weser in Minden

Die Schachtschleuse verbindet die Weser und den Mittellandkanal bei einer Höhendifferenz von rund 13 m.

Die Schachtschleuse in Minden verbindet die Weser mit dem Mittellandkanal
Die Schachtschleuse in Minden verbindet die Weser mit dem Mittellandkanal

Sie liegt nördlich des Mittellandkanals und südlich des Nordfreidhofs rechts neben der B61.

Gebäude der Schachtschleuse in Minden
Gebäude der Schachtschleuse in Minden

Minden verlasse ich in nördlicher Richtung auf dem Weserradweg, der mehrere Kilometer lang immer an der Weser entlang führt. Als ich diesen verlasse, wird es nicht einsam, aber trostloser. Die Strecke führt nur noch über plattes Land und durch aussterbende kleine, manchmal aus nicht mehr als 20 Gehöften bestehenden, Dörfchen, die wechselweise von Maisfeldern oder Viehweiden umgeben sind.

Nachdem Wind in den vergangenen beiden Tagen kein Thema war, frischt er jetzt zunehmend auf. Immerhin kommt er seitlich oder leicht von hinten. Ich befürchte, dass sich das, je näher ich der Küste komme auch noch gegen mich wendet. Der auffrischende Wind hat immerhin dafür gesorgt, dass aus den sonnig-schwülen 25 Grad in Minden bewölkte 20 Grad entlang der Weser geworden sind. Und der Blick in Richtung Horizont fällt auf dunkle, graue Wolken. Hoffentlich bleibe ich bis zur Zielankunft trocken.

Windmühle bei Petershagen
Windmühle bei Petershagen

Da ich immer noch nichts zu essen hatte und nur noch ankommen möchte in der Hoffnung auf ein Mittagessen, gebe ich ordentlich Gas und lege die letzte Stunde einen 35er Schnitt hin.

Zielankunft in Liebenau

Dann, nach 136 Kilometern, davon seit Minden komplett flach, 980 Höhenmetern und etwa fünf Stunden Fahrzeit bringe ich die 3. Etappe von Willebadessen nach Liebenau zu Ende, als ich in Liebenau in den Hof des Hotels und Gasthaus Sieling einfahre.

Ich kann direkt einchecken und tausche in meinem im Obergeschoss gelegenen Zimmer nur kurz die Rennradschuhe gegen Turnschuhe, um direkt wieder runter zu gehen. Auf meine liebe Nachfrage teilt die Wirtin ihr Mittagessen mit mir. Weil die Küche erst ab 17 Uhr öffnet und ich total ausgehungert bin. Ich habe unterwegs bis auf meine Kohlenhydrat-Riegel leider noch nichts gegessen. Ist das nicht lieb?!

Sehr leckeres Mittagessen im Gasthaus Sieling
Sehr leckeres Mittagessen im Gasthaus Sieling

Ihr Mann hat Karotteneintopf mit Wurscht gekocht. Dazu gibt es ein Körbchen voller Brot und eine extra Wurscht. Und es schmeckt! Wie bei Muttern! 😋😉

Über das Essen kommen wir ins Gespräch und hier höre ich fast das gleiche wie im Berghotel Waidmannsheil in Dodenau. Auch hier übernachten für gewöhnlich Monteure, die in den umliegenden Unternehmen auf Montage arbeiten. Aber jetzt am Wochenende bin ich der einzige (!) Gast. Wir unterhalten uns während des Essens über die allgegenwärtige Corona-Situation. Auch sie bestätigt, was mir seit Beginn meiner Deutschlandtour aufgefallen ist. Den kleinen Geschäften und Gasthöfen in den Dörfern, die auch ohne Corona gerade so über die Runden kamen und sich immer wieder der Schließung entziehen, gibt Corona den Rest. Die wenigen Restaurants, die noch öffnen, tun das in aller Regel für wenige Stunden am Abend, aber selten bis gar nicht mehr über Mittag. Das war ja heute auch mein Problem – neben einigen anderen – bei der Suche nach einem Mittagessen.

Das gleiche Bild zeichnet sich auch in Liebenau ab. Hier eröffnete ein neu gebauter Edeka-Markt am 9. Juli, der dem Bäcker und Metzger mit ihren Mittagsangeboten die Kunden streitig machen wird.

Und während ich fertig esse, scheint es tatsächlich ein wenig zu regnen. Also gerade so noch Glück gehabt.

Alter Ortskern von Liebenau mit St. Laurentius-Kirche
Alter Ortskern von Liebenau mit St. Laurentius-Kirche

Nach einer ausführlichen heißen Dusche und einer kurzen Ruhezeit erkunde ich per Pedes Liebenau. Es gibt einige schöne historische Gebäude wie die St. Laurentius-Kirche und das alte Mühlgebäude mit seiner Fischtreppe.

Altes Mühlgebäude in Liebenau
Altes Mühlgebäude in Liebenau
Altes Mühlgebäude mit Fischtreppe in Liebenau
Altes Mühlgebäude mit Fischtreppe in Liebenau

Etwa zwei Kilometer außerhalb des Ortes gibt es noch fünf ehemalige Hügelgräber. Aber als ich dort ankomme, sehe ich bis auf eine erklärende Tafel nur Wald. Das lohnt also nicht wirklich.

Die Hügelgräber bei Liebenau
Die Hügelgräber bei Liebenau

Naja, jeder Gang macht schlank. Immerhin stärkte ich mich zuvor mit einem leckeren Zwetschgenkuchen und einem großen Pott starken Kaffees.

Aber der Höhepunkt des Tages ist das fantastische Abendessen im Gasthaus. Ich entscheide mich für das Zanderfilet mit frischen Pfifferlingen und Bratkartoffeln. Und bereue es nicht. Eine Riesenportion wird aufgetischt und, obwohl ich inzwischen nicht mehr ausgehungert bin, schmeckt es grandios.

Fantastisches Abendessen im Gasthaus Sieling in Liebenau
Fantastisches Abendessen im Gasthaus Sieling in Liebenau

Ein würdiger Abschluss für einen tollen Tag! Und ein weiteres Kennzeichen für die gute Küche, abgesehen davon, dass es mir schon zweimal hier hervorragend geschmeckt hat, sind die vielen Einheimischen, die zum Abendessen herkommen. Denn während ich diesen Artikel hier schreibe, ist es brechend voll geworden.

Ihr fragt euch aber bestimmt, ob es mir auf der Tour nicht zu einsam wird? Nur ich allein mit meinem Rad und der Landschaft und den Problemen? NEIN! Alleine ja, aber definitiv nicht einsam.

Ich bin mit mir absolut im Reinen. Man könnte auch meinen, dass ich bei Fahrzeiten von täglich fünf Stunden und mehr ja genug Zeit habe, um aktuelle Probleme durchzuwälzen, hoch und runter, von links nach rechts und wieder zurück. Aber noch nicht mal das. Klar denke ich unterwegs auch mal kurz über die eine oder andere aktuelle Frage nach. Aber die meiste Zeit denke ich an die noch vor mir liegende Strecke und Ziele und konzentriere mich auf die Straße und den Verkehr.

Am deutlichsten jedoch wird mir bewusst, was ich am meisten vermisse: meine Familie! 👩‍👧‍👦

Heute habe ich mich ihr ja schon wieder ein großes Stück genähert, bevor sie sich morgen wieder von mir entfernt. Aber ohne sie könnte ich meine Deutschlandtour gar nicht machen. Allein die Zeit, die die Vorbereitung in den letzten 12 Monaten gekostet hat inklusive Nerven für die alleinige Kinderbetreuung. DANKE, mein Schatz! 😘

Ich freue mich sehr auf euch!!!

5 Antworten auf “Meine Deutschlandtour – 3. Etappe von Willebadessen nach Liebenau”

  1. Lieber Holger,
    schöne Bilder und Beschreibung Deiner Tour. Deutschland ist richtig schön. Zwar erscheinen mir Deine Geschwindigkeitsangaben eher langsam, ich fahre mit dem Auto definitiv schneller, dennoch bin ich sehr begeistert von Deiner Leistung. Und Dein Abendessen in Liebenau sieht richtig lecker aus. Werde nun auch noch was essen.
    Liebe Grüße
    Dein Freund Alexander
    Der morgen auch endlich in Urlaub fährt. Habe es sehr nötig.

  2. Lieber Holger, ich bin begeistert von deinem Unternehmensgeist. Alle Achtung. Du hast viel von deinem Vater mitbekommen. Er hat auch in jungen Jahren die Alpen mit dem Fahrrad überquert. Bleib weiterhin fit und gesund. Der Wettergott möge es gut mit dir meinen. Ein schönes Treffen mit der Familie und liebe Grüße von uns. Ingrid und Günter

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