Meine Deutschlandtour – 4. und 5. Etappe von Liebenau über Himmelpforten nach Sankt Peter-Ording

Die 4. Etappe von Liebenau nach Himmelpforten meiner Deutschlandtour würde ich mal als „Überführungsetappe“ bezeichnen. Arm an Höhepunkten, inhaltlich wie höhenmetermäßig, sollte es über 137 Kilometer, bis Verden mehr oder weniger an der Weser entlang, vorbei an Rotenburg (Wümme), nach Kreuzen der A1 gefühlt durchs Niemandsland bis nach Himmelpforten gehen, einem kleinen Örtchen in der Nähe von Stade. Der Ort ist vor allem in der Weihnachtszeit als Postadresse des Christkinds bei Kindern in der ganzen Welt bekannt.

Da es so gut lief und Himmelpforten nicht so viel zu bieten hatte, dass es sich lohnte, dort eine weitere Nacht zu verbringen, hing ich einfach die 5. Etappe hintendran und fuhr weitere 128 Kilometer durch bis nach Sankt Peter-Ording.

So waren es am Ende dann 265 Kilometer und knapp 9 Stunden reine Fahrzeit.

4. und 5. Etappe von Himmelpforten nach Sankt Peter-Ording in Nordfriesland

Streckenverlauf

4. und 5. Etappe von Liebenau über Himmelpforten nach Sankt Peter-Ording Strava Streckenprofil
4. und 5. Etappe von Liebenau über Himmelpforten nach Sankt Peter-Ording Strava Streckenprofil

Aber wie immer beginnt der Tag erstmal mit einem tollen Frühstück, dass nur für mich allein von der Schwiegermutter der Wirtin zubereitet wurde.

Frühstück im Gasthaus Sieling in Liebenau
Frühstück im Gasthaus Sieling in Liebenau

Höhepunkte entlang der Strecke

Auch das hat fast schon Tradition: die Tour beginnt mit einem Anstieg. Und das ausgerechnet hier im Flachland! Aber bei bewölkten 17 Grad ist das wieder der richtige Einstieg in einen langen Tag. Nach der Steigung geht es flach weiter. Erster kurzer Halt ist an der Weserfähre in Schweringen, wo ich eigentlich über die Weser übersetzen möchte. Doch anscheinend habe ich bei der Planung ein kleines, aber wichtiges Details übersehen: die Fährzeiten. Auf der Webseite steht für die Sommermonate eine Fährzeit ab 9 Uhr. Doch irgendwie hatte ich wohl übersehen, dass am Wochenende erst ab 10 Uhr gefahren wird. Tja, Fehler kommen auch bei der akribischsten Vorbereitung vor.

Weserfähre in Schweringen, die leider (noch) nicht fuhr
Weserfähre in Schweringen, die leider (noch) nicht fuhr

Das ist aber kein wirkliches Problem, heißt es doch nur, dass ich weiter auf der linken Weserseite fahre, bis ich in Hoya die Weser mittels einer Brücke überqueren kann.

Zwei Stunden nach Fahrtbeginn erreiche ich Verden bei Kilometer 50. Auf dem Weg dorthin sehe ich ein Schild wieder, dass ich bereits gestern vor Detmold zum ersten Mal sah: „Straße der Weserrenaissance“.

Verden

Verden liegt in der Mittelweserregion unmittelbar an der Mündung der Aller in die Weser. Als Zentrum der Pferdezucht und des Pferdesports trägt sie den Beinamen Reiterstadt. Besonders sehenswert ist der Marktplatz mit seinem schmucken Rathaus und der Dom.

Marktplatz mit Rathaus in Verden
Marktplatz mit Rathaus in Verden

Auf dem Marktplatz lege ich eine erste Pause ein und stärke mich mit einer Cola, wobei mir heute mein Magen ein wenig Probleme macht. Ich vermute, dass das von den reichlichen Kohlehydratgels der letzten Tage kommt.

Dom zu Verden
Dom zu Verden

Einmal durch die Altstadt zum Dom und wieder zurück.

Am Lugensteinplatz in Verden
Am Lugensteinplatz in Verden

Danach verläuft die Etappe wenig abwechslungsreich. Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde trete ich möhlichst gleichmäßig in die Pedale, an nichts anderes denkend, als heute komplett bis Sankt Peter-Ording durchzufahren und meine Familie wieder in die Arme zu schließen. Allein, wenn ich daran denke, läuft mir jedes Mal ein wohliger kalter Schauer den Rücken hinunter. Mit einem durchschnittlichen Tempo von zwischen 30 und 38 km/h fliege ich förmlich durch die flache Landschaft. Die Ortsnamen wechseln, doch die Dorfansichten bleiben. Die meisten Ortschaften bestehen aus nicht mehr als 20 Häusern, drum herum viel Landwirtschaft. Maisfelder, Milchvieh- und Schweinezuchtbetriebe wechseln sich ab. Ansonsten ist es eher trostlos. Alle paar Minuten begegnen mir auf den schmalen, aber meistens guten Nebenstraßen mal ein paar Autos.

In Sottrum, in der Nähe von Rotenburg (Wümme), gönne ich mir mein Mittagessen: ein leckeres Mettbrötchen, auf das ich mich schon seit Tagen freue. Wenige Kilometer weiter kreuze ich die von Bremen nach Hamburg führende A1 auf dem Weg zum eigentlichen heutigen Etappenziel: Himmelpforten.

Himmelpforten (Etappenziel 4)

Nach 144 Kilometern ist es gegen 14:20 Uhr endlich soweit. Ich passiere das Ortseingangsschild des Christkinddorfs Himmelpforten. Himmelpforten ist besonders in der Weihnachtszeit in aller Munde, denn dann wird der Ort zum Christkinddorf. Für zahlreiche Kinder in der ganzen Welt ist der Ort die Postadresse des Christkindes bzw. des Weihnachtsmannes. Diese Tradition wird seit den 1960er Jahren gepflegt.

Ortseingangsschild von Himmelpforten, dem eigentlichen Etappenziel 4
Ortseingangsschild von Himmelpforten, dem eigentlichen Etappenziel 4

Meine geplante Unterkunft ist das Gasthaus Hellwege. Nach einer kurzen Runde durch den Ort, bei ich das Hotel noch nicht einmal finde, steht mein Entschluss endgültig fest: ich fühle mich noch gut, so dass ich definitiv weiterfahre. Der „Point of no return“ ist aber erst die Elbfähre in Glückstadt. Einmal übergesetzt, gibt es dann kein zurück mehr. Deshalb warte ich noch mit der Stornierung des Hotels bis dahin.

Elbfähre nach Glückstadt

Auf der Weiterfahrt zur Fähre gebe ich noch einmal alles, weil ich auf der Webseite etwas von einer Stunde Wartezeit gelesen hatte. Und meine Idee ist ja, mich mit meiner Familie zum Abendessen am Eidersperrwerk in Tönning zu treffen. Damit das aber nicht zu spät wird, versuche ich alles, um die Fähre um 15 Uhr zu erreichen. Aber für die rund 20 Kilometer von Himmelpforten bis zur Fähre brauche ich etwas länger, sodass ich um 15:30 Uhr auf die Fähre komme. Die Stunde Wartezeit gilt – glücklicherweise für mich – nicht für Radfahrer und Fußgänger, sondern nur für Fahrzeuge.

Kaum auf der Fähre, besorge ich mir erstmal etwas zu essen und zu trinken, denn die letzte Mahlzeit ist bereits mehr als drei Stunden her und mir geht langsam der Proviant aus. Beim Essen storniere ich das Hotel und rufe meine Frau an, um sie mit meinem Abendessenplan zu überraschen. Leider schließt der Kiosk am Eidersperrwerk bereits um 19:30 Uhr. Und da ich nicht davon ausgehe, bis dahin dort zu sein, beschließen wir, dass ich einfach nach Sankt Peter-Ording fahre und wir uns dort in der Unterkunft treffen. Das kommt auch insofern entgegen, weil es ein wenig Druck raus nimmt, da ich mir auf den nächsten 100 Kilometern ja noch einiges ansehen wollte.

Elbfähre von Wischhafen nach Glückstadt
Elbfähre von Wischhafen nach Glückstadt

Die Wolken am Horizont lassen leider nichts Gutes erahnen. So sehen die Wolken doch sehr nach Regen aus.

Elbfähre von Wischhafen nach Glückstadt
Elbfähre von Wischhafen nach Glückstadt

Nach dem Übersetzen über die Elbe, was rund 25 Minuten dauert, geht es auf dem Elbuferradweg in Richtung Brunsbüttel weiter. Aber dieser Radweg ist für mich und mein Rennrad nichts. Ständig muss man durch irgendwelche Schafsgatter, was nicht nur auf’s Durchschnittstempo drückt, sondern auch ganz schön Kraft kostet durch das ständige Anfahren.

Willkommen im hohen Norden begrüßten mich diese Schafe auf dem Elbuferradweg
Willkommen im hohen Norden begrüßten mich diese Schafe auf dem Elbuferradweg

Außerdem sind die Schafe nicht so vorhersehbar in ihren Bewegungen wie Menschen. So bleibt so ein Schaf auch einfach mal mitten auf dem Weg stehen. Deshalb verlasse ich am Störsperrwerk den Radweg und nutze fortan wieder die gut ausgebaute Straße.

Atomkraftwerk in Brokdorf direkt am Elbufer
Atomkraftwerk in Brokdorf direkt am Elbufer

Linker Hand taucht kurz darauf das Atomkraftwerk in Brokdorf auf, das das Wasser der Elbe zum Kühlen der Reaktoren nutzt. Kurz vor Brunsbüttel beginnt es leicht zu regnen. So halte ich in St. Margarethen an der Kirche an, um mir meine Regenjacke anzuziehen und ein Foto dieser besonderen Kirche zu schießen. Der Kirchturm scheint komplett aus Holz erbaut zu sein und steht neben der Kirche.

St. Margarethen-Kirche in St. Margarethen
St. Margarethen-Kirche in St. Margarethen

Die nächsten Kilometer nach Brunsbüttel gehen eher gegen als mit dem Wind. Aber schließlich erreiche ich die Fähre in Ostermoor über den Nord-Ostsee-Kanal. Das dauert nur ein paar Minuten und kostet überraschenderweise nichts.

Schleusen am Nord-Ostsee-Kanal in Brunsbüttel

Fähre in Brunsbüttel über den Nord-Ostsee-Kanal
Fähre in Brunsbüttel über den Nord-Ostsee-Kanal

Der Regen hat mittlerweile aufgehört. Also ziehe ich die Regenjacke wieder aus, weil ich darunter schwitze wie ein Puma.

Fähre in Brunsbüttel über den Nord-Ostsee-Kanal
Fähre in Brunsbüttel über den Nord-Ostsee-Kanal

Jetzt ist es durch die Gischt nur noch von unten nass. Es liegen nun noch gut 66 Kilometer und zwei Stunden Fahrt vor mir. Eigentlich wollte ich in Brunsbüttel noch eine letzte Pause mit einem kleinen Abendessen einlegen. Aber die Fähre liegt so weit außerhalb des Stadtzentrums, dass ich einfach weiterfahre. Und wieder heißt es nur gleichmäßig treten, wenn auch nicht mehr ganz so schnell wie zu Beginn der Tour. Aber ich schaffe immerhin noch einen Schnitt von knapp über 30km/h.

Meldorf

Dom in Meldorf
Dom in Meldorf

Bei Kilometer 220 erreiche ich Meldorf mit seinem Dom, dem ich ein kurzes Foto gönne und mir eine kleine Pause. Auf der Weiterfahrt habe ich wie schon den ganzen Tag Glück mit dem Wind, dass dieser mich teils kräftig unterstützt. Ich komme noch gut voran, obwohl ich schon nicht mehr weiß, wie ich noch auf dem Sattel sitzen soll. Aber der Gedanke an das Wiedersehen und das das Ende der Tour so nah ist, setzt immer wieder neue Kräfte frei.

Kiosk am Eidersperrwerk in Tönning

Ich lasse Wöhrden und Wesselburen hinter mich. Langsam taucht der Deich linker Hand am Horizont auf. Die Landschaft ist mir bestens vertraut aus vielen Jahren, die wir bereits nach Sankt Peter-Ording kommen. Das erste Mal waren wir 2001 im Urlaub hier. Seitdem sind wir regelmäßig, meistens alle zwei Jahre, hier gewesen.

Dann sehe ich ich schon von Weitem den Turm der Hebebrücke am Eidersperrwerk und mir kommen die Tränen. Darüber, dass ich tatsächlich den letzten Stopp auf meiner Marathonetappe erreicht habe. Das Eidersperrwerk in Tönning.

Der Kiosk am Eidersperrwerk - Ein MUSS auf dem Weg nach Sankt Peter-Ording
Der Kiosk am Eidersperrwerk – Ein MUSS auf dem Weg nach Sankt Peter-Ording

Ein Stopp hier am Kiosk am Eidersperrwerk ist ein unbedingtes MUSS für jeden auf dem Weg nach Sankt Peter-Ording. So auch für mich. Und ich habe es tatsächlich rechtzeitig vor Schließung geschafft. Es ist kurz vor sieben. Seit etwa zwei Stunden habe ich keinen Proviant mehr und ich fühle mich wie ausgetrocknet. Also schnell den Mund-Nasen-Schutz aufgesetzt, ein kühles Blondes aus dem Norden und das leckerste Krabbenbrötchen der Welt gekauft. Und dann einfach nur genießen.

Mit einem älteren Mann komme ich noch kurz ins Fachsimpeln über mein Rad und den Fahrradcomputer. Ich wünsche ihm noch einen schönen Urlaub, dabei lebt er in Heide, etwa 20 Kilometer von hier entfernt. Schon komisch, dass man automatisch die Leute, die man an solchen Orten trifft, als Touristen einsortiert.

Zielankunft in Sankt Peter-Ording

Auf zum Schlussspurt. Noch 18 Kilometer, leider bei stärkerem Gegenwind als bisher, da es nun in westlicher statt nördlicher Richtung weitergeht. Aber die Straßen sind mir sehr vertraut, jede Biegung bin ich näher am Ziel. Beinahe minütlich die Position (von Sitzposition möchte ich an dieser Stelle nicht mehr reden) wechselnd, habe ich durch das Krabbenbrötchen und das Flensburger noch einmal ein wenig Kraft tanken können.

Schließlich um 19:41 Uhr, nach 265 Kilometern, 8 Stunden und 47 Minuten Nettofahrzeit und über 11 Stunden unterwegs gönne ich mir meinen persönlichen Triumphzug auf der Promenade in Sankt Peter-Ording. Als „Beweis“ schieße ich ein Foto vom Gosch und dem Eingang der Seebrücke. Ich kann es selbst nicht glauben, mit dem Fahrrad von Schmitten im Taunus bis nach Sankt Peter-Ording in Nordfriesland gefahren zu sein. Genauso wenig wie die heutige Länge der Etappe.

Zwei Minuten später bin ich an der Ferienwohnung, wo ich bereits erwartet werde. Die neuesten Neuigkeiten der Kinder strömen über mich herein, während ich einfach nur froh bin, angekommen zu sein.

Endlich angekommen auf der Promenade in Sankt Peter-Ording!
Endlich angekommen auf der Promenade in Sankt Peter-Ording!

An dieser Stelle sollte natürlich noch ein Fazit folgen. Aber dafür lasse ich mir noch ein wenig Zeit.

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