Miyajima – Die heilige Insel

Das letzte Ziel meiner einwöchigen Reise war die Insel Miyajima. Miyajima, (宮島, wörtlich: „Schrein-Insel“; eigentlicher Name: Itsukushima) eine Insel ca. eine Stunde von Hiroshima entfernt, wird seit alten Zeiten wie ein Gott verehrt. Dieser Glaube, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde, beschützte den Itsukushima-Schrein, viele andere Schreine und Tempel sowie die einzigartige Kultur und die Natur der Insel.

In der Vergangenheit durfte es auf Itsukushima weder Geburten noch Todesfälle geben, da beides als Zustand der Unreinheit galt. Und auch heute noch werden Tote von der Insel auf die Hauptinsel Honshū gebracht. Frauen dürfen Miyajima erst seit dem 20. Jahrhundert betreten. Miyajima zählt zusammen mit Amanohashidate und Matsushima zu den drei schönsten Landschaften Japans.

Um nach Miyajima zu kommen, nutzte ich ein Tages-Kombi-Ticket der Hiroshima Electric Railway für 840 Yen. Damit benötigte ich ungefähr 50 Minuten von Hiroshima Zentrum zum Fähranleger und weitere 10 Minuten mit der Fähre. Da ich auch diese Mal wieder sehr früh los bin, sah ich am Fähranleger gerade die Sonne hinter der Insel aufgehen. So begann der Tag schon mal spektakulär und mit einem Traumwetter, nachdem es gestern den ganzen Tag in Strömen gegossen hatte.

Fähre nach Miyajima
Fähre nach Miyajima

Allerdings war es am Morgen noch recht frisch, was sich direkt auf der Fähre mit dem zusätzlichen Wind, der über das Meer fegt, verstärkte. Auf der Insel angekommen, begrüßten mich bereits die aus Nara bekannten Rehe bzw. Hirsche, die auch hier als heilig verehrt werden.

Itsukushima Schrein (UNESCO Weltkulturerbe)

Der Weg führte mich zuerst zum Itsukushima Schrein, der Namensgeber der Insel ist. Die Grundform des Itsukushima Schreins in dem eleganten architektonischen Stil des „Shinden Zukuri“ entstand im Jahr 593. Die noch heute erhaltene Struktur entstand ab 1168 für Taira no Kiyomori. Die Hauptgebäude des Itsukushima-Schreins ruhen direkt vor der Insel auf erhöhten Plattformen, deren Pfeiler bei Flut im Wasser stehen, so dass die ganze Anlage zu schwimmen scheint. Sie sind mit einem 280 Meter langen überdachten Korridor miteinander verbunden. Als ich am Schrein ankam, war gerade Ebbe.

Im Itsukushima Schrein in Miyajima
Im Itsukushima Schrein in Miyajima

Teil des Schreins ist die älteste erhaltene Nō-Bühne der Welt, bestehend aus einer überdachten Bühne und einem durch eine Brücke damit verbundenen Gebäude für die Schauspieler.

Im Itsukushima Schrein in Miyajima
Im Itsukushima Schrein in Miyajima

Weltberühmt ist das hölzerne Torii aus dem Jahr 1875, das etwa 160 Meter vor dem Schrein steht. Bei Ebbe kann es zu Fuß erreicht werden, bei Flut steht es vollständig im Wasser. Es ist eines der meist fotografierten Wahrzeichen Japans. Der Schrein und das Torii wurden 1996 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Torii im Itsukushima Schrein in Miyajima
Torii im Itsukushima Schrein in Miyajima

Daiganji Tempel

Daiganji ist ein alter buddhistischer Tempel der Shingon-Sekte, der neben dem Itsukushima-Schrein steht. Er hat eine enge Beziehung zu Shinto-Schreinen. Er war früher für die Reparatur und den Bau von Tempeln und Schreinen, einschließlich des Itsukushima-Schreins, zuständig.

Der Tempel ist Benzaiten gewidmet, der Göttin von Beredsamkeit, Musik und Wohlstand. Er beherbergt drei der berühmtesten Benzaiten-Statuen in Japan ebenso wie viele andere wertvolle buddhistische Statuen.

Das genaue Datum für den ersten Bau des Daiganji Tempels ist unklar. Das Entstehungsjahr wird auf das 6. Jahrhundert oder später geschätzt. Der Nihon Koki bestätigt die Heiligkeit dieser Miyajama-Strukturen während der Heian Zeit (794-1184).

Tahoto Pagode

Vom Daiganji Tempel aus führte ein Weg in Richtung Wald und Daisho-in Tempel, auf dem oberhalb plötzlich eine zweistöckige Pagode auftauchte. Später las ich, das diese Pagode 1523 gebaut worden sein soll. Der Buddha der Medizin wurde hier verehrt, wurde aber nach der Meiji-Restauration (1868) in den Daiganji-Tempel verlegt.

Tahoto Pagode in Miyajima
Tahoto Pagode in Miyajima

Der Name der Pagode wurde 1880 in Hozan-Schrein geändert und dann wurde der vergöttliche Kriegsherren Kato Kiyomasa verehrt, während das Gebäude selbst unter die Zuständigkeit des Itsukushima-Schreins kam.

Daisho-in

Daisho-in ist ein alter buddhistischer Tempel am Fuße des heiligen Berges Misen, der von Kobo Daishi, dem Gründer des To-ji Tempels in Kyoto, im Jahre 806 gegründet wurde. Während der Zeit der Verschmelzung von Shintoismus und Buddhismus leitete dieser berühmte Tempel alle Priester in Miyajima und war für die religiösen Zeremonien im Itsukushima-Schrein verantwortlich. Seine großzügigen Anlagen bieten eine wunderbare Aussicht und sind mit zahlreichen buddhistischen Statuen geschmückt.

Der Daisho-in Tempel in Miyajima
Der Daisho-in Tempel in Miyajima

Von hier aus kann man auch den Aufstieg auf den Mount Misen beginnen. Ich bin hier noch nicht zum Mount Misen gestartet, sondern auf einem Weg oberhalb der Stadt weiter in Richtung Talstation der Seilbahn gelaufen. Denn ich wusste nicht, wie lange ich für den Aufstieg rechnen musste. Außerdem war ich zeitlich beschränkt, da ich spätestens gegen 15 Uhr den Rückweg aufs Festland antreten wollte, um meinen Rückflug nach Tokio nicht zu verpassen.

Jizo-Statuen im Daisho-in Tempel in Miyajima
Jizo-Statuen im Daisho-in Tempel in Miyajima

Kurze Zeit später stand ich am Fuße der Seilbahnstation. Hier gab es endlich auch mal Hinweisschilder zur Wegstrecke des Aufstiegs. Es sollten 2,5 Kilometer bei knapp 500 Höhenmetern sein. Da dachte ich, dafür brauche ich doch keine Seilbahn. Auch wenn die ab der Momijidani-Station in etwa 20 Minuten auf den Gipfel gefahren wäre, für 1.800 Yen Hin- und Rückfahrt (= 15,25 Euro).

Mount Misen

Der Anstieg verlief zunächst einigermaßen sanft, bis er nach etwa 300 Metern Wegstrecke zunehmende steiler wurde und wenig später in Treppen überging. Was sich bis kurz unterhalb des Gipfels auch nicht mehr änderte.

Aufstieg auf den Mount Misen in Miyajima
Aufstieg auf den Mount Misen in Miyajima

Mann, kam ich ins schwitzen. Zu Beginn noch über die Kühle beklagt, stand nun die Sonne schon deutlich höher, heizte ordentlich ein und hinzu kam die Anstrengung. Allerdings war ich mehr oder weniger allein auf diesem Pfad unterwegs. Es war auch noch keine 10 Uhr, als ich den Aufstieg begann. Erst als ich eine Kreuzung erreichte, an der sich mein Pfad mit dem Weg von der Seilbahn kommend vereinigte, waren deutlich mehr Menschen unterwegs.

Ich nenne ihn den "Haifelsen" auf dem Weg zum Gipfel des Mount Misen in Miyajima
Ich nenne ihn den „Haifelsen“ auf dem Weg zum Gipfel des Mount Misen in Miyajima

Die Steilheit ließ nun deutlich nach und immer öfter konnte ich die atemberaubenden Aussichten auf die Bucht von Hiroshima mit den vielen Inseln genießen. Kurz unterhalb des Gipfels war noch ein Tempel, der auf dem Weg ganz nach oben durchquert werden wollte.

Tempel auf dem Mount Misen in Miyajima
Tempel auf dem Mount Misen in Miyajima

Oben angekommen war ich durchgeschwitzt und außer Atem. Doch das Panorama entschädigte mehr als deutlich dafür. Aber hier lasse ich einfach die Bilder sprechen:

Auf dem Mount Misen in Miyajima
Auf dem Mount Misen in Miyajima
Blick nach Südosten vom Gipfel des Mount Misen in Miyajima
Blick nach Südosten vom Gipfel des Mount Misen in Miyajima
Blick nach Nordosten vom Gipfel des Mount Misen in Miyajima
Blick nach Nordosten vom Gipfel des Mount Misen in Miyajima

Der Abstieg dauerte keine halbe Stunde. Danach knurrte schon deutlich wahrnehmbar der Magen. Aber bevor ich mich mit einem leckeren Mittagessen belohnen konnte, hatte ich noch zwei Ziele auf meiner Liste.

Senjo-kaku (Halle der tausend Tatamimatten; auch Toyokuni-Schrein genannt)

Im Jahre 1587 befahl Hideyoshi Toyotomi, der Kriegsführer, der Japan in diesem Zeitalter vereinigte, die Gründung von Senjo-kaku als eine heilige Stätte, wo Sutras zu Ehren der im Kriege gefallenen Soldaten gelesen wurden. Es ist das größte Gebäude in Miyajima.

Die Halle der "tausend" Tatami im Toyokuni Tempel in Miyajima
Die Halle der „tausend“ Tatami im Toyokuni Tempel in Miyajima

Es wird Senjo-kaku genannt, weil seine Bodenfläche der Größe von 857 Tatamimatten entspricht. Der Bau der Halle wurde mit dem Tode von Hideyoshi unterbrochen, und sie wurde bis heute nicht fertiggestellt.

Die Halle der "tausend" Tatami im Toyokuni Tempel in Miyajima
Die Halle der „tausend“ Tatami im Toyokuni Tempel in Miyajima

Goju-no-to (fünfstöckige Pagode)

Neben der Halle steht die fünfstöckige Pagode Goju-no-to, die durch ihre stark orange-rote Farbe auffällt. Sie gehört auch zum Itsukushima-Schrein. Das Besondere dieser Pagode ist der zentrale Stützbalken, der von der Spitze nur ins erste Stockwerk reicht. Fünf Pagoden dieser Art soll es in Japan geben. Die zinnoberrot lackierte Goju-no-to ist 27,6 Meter hoch und stellt eine faszinierende Kombination japanischer und chinesischer Architekturstile dar. Sie wurde im Jahre 1407 gebaut und beherbergte ursprünglich eine buddhistische Statue.

Fünfstöckige Pagode im Itsukushima Schrein in Miyajima
Fünfstöckige Pagode im Itsukushima Schrein in Miyajima

Damit war die Besichtigungstour offiziell zu Ende und das gemütliche Bummeln nahm seinen Anfang. Zum Glück gibt es in Miyajima eine Einkaufsstraße, die Omotesando, an der sich ein Souvenirstand an den nächsten reiht.

Größter Reislöffel der Welt

Zwischendrin, ich hätte es fast übersehen, wird der größte Reislöffel der Welt zur Schau gestellt. Er ist etwa 7,7 Meter lang, 2,7 Meter dick und 2,5 Tonnen schwer.

Der größte Reislöffel der Welt in Miyajima
Der größte Reislöffel der Welt in Miyajima

Es dauerte 2 Jahre und 10 Monate, ihn aus einem 270 Jahre alten Zelkova-Baum zu „schnitzen“. Allerdings war er 14 Jahre lang in einem Lager eingemottet worden, weil kein Platz gefunden wurde, um ihn der Öffentlichkeit zu zeigen. Als aber im Dezember des Jahres 1996 der Itsukushima-Schrein zum Weltkulturerbe erklärt wurde, fand sich in der Miyajima Omotesando Arcade ein Plätzchen, wo er bis heute interessierten Besuchern kostenlos präsentiert wird.

Rückreise nach Tokio

Ich entschloss mich, zum Mittagessen wieder aufs Festland überzusetzen und in Hiroshima zu essen, wo die Auswahl deutlich größer war. Gesagt, getan. Gesättigt und wieder ein bisschen erholt nutzte ich die verbleibende Zeit, um noch einen schnellen Blick auf die Burg von Hiroshima zu werfen.

Die Burg von Hiroshima
Die Burg von Hiroshima

Von außen hübsch anzuschauen. Allerdings war ich nicht drin, da mir langsam die Zeit weglief. Außerdem hatte ich bereits die Burg der Burgen in Japan meiner Meinung nach in Himeji gesehen. So machte ich mich auf den Weg zum Busbahnhof, wo der Airportbus pünktlich in Richtung Flughafen fuhr.

Kurz vor Mitternacht erreichte ich nach einem kurzen Flug, einer weiteren fast einstündigen Fahrt mit dem Airportbus in Tokio und weiterer zwanzig Minuten U-Bahn-Fahrt am Vorweihnachtsabend wieder meine Wohnung. Völlig erschlagen, geschafft, mit noch müderen Füßen, aber voller neuer, wahnsinnig vieler Eindrücke von einem tollen Land.

Meine Ziele in Miyajima in der Übersicht