Nara – erste ständige Hauptstadt Japans

Meinen einwöchigen Vorweihnachtsurlaub nutzte ich für eine Reise in den Süden Japans, zu weiteren sehenswerten Städten und kulturellen Höhepunkten. Für die Anreise zu meinem ersten Ziel Nara nutzte ich den Shinkansen. Das ist sozusagen der japanische ICE, nur schneller und deutlich zuverlässiger.

Der Shinkansen nach Kyoto
Der Shinkansen nach Kyoto

Zwei Minuten Umsteigezeit zwischen Ankunft des Shinkansen in Kyoto und Abfahrt der Regionalbahn nach Nara hatte ich eingeplant. Und was soll ich sagen, es hat perfekt funktioniert. Ausgangspunkt der Besichtigungstour war der Bahnhof Nara. Dort laufen einem auch gleich die heiligen Hirsche und Rehe wie selbstverständlich über den Weg. Rund 1.200 der Vierbeiner teilen sich die Stadt mit etwa 400.000 Einwohnern.

Nara – erste ständige Hauptstadt

Kaiserin Gemmei verlegte im Jahre 710 die Hauptstadt nach Heijo-kyo (das heutige) Nara. Bis 784 blieb Nara damit die erste ständige Hauptstadt Japans, als diese zunächst nach Nagaoka-kyo und 794 nach Heian-kyo (dem heutigen Kyoto) umzog. Während der Nara-Periode beherbergte die Stadt rund 200.000 Einwohner, was ca. 4 % der damaligen Gesamtbevölkerung Japans entsprach.

Allein 10.000 Bedienstete waren am kaiserlichen Hof tätig. Die wirtschaftlichen und staatlichen Aktivitäten nahmen zu. Straßen verbanden Nara mit den Provinzhauptstädten, Steuern wurden konsequenter eingetrieben.

Durch die Bemühungen des Kaiserhofs, seine Geschichte aufzuzeichnen, entstanden die ersten Werke der japanischen Literatur. Eine andere kulturelle Entwicklung war jedoch noch bedeutender: die Verbreitung des Buddhismus in Japan. Zwar kam der Buddhismus bereits im 6. Jahrhundert ins Land, traf aber zunächst auf geteilten Zuspruch. Erst in der Nara-Zeit, als er von Kaiser Shomu begeistert aufgenommen und als „Wächter des Staats“ instrumentalisiert wurde, erlebte er eine Blütezeit. Das schlägt sich auch in den zahlreichen Tempeln nieder, die ich mir nun anschauen wollte.

Kofuku-ji Tempel

Der Kofuku-ji wurde zu Beginn der Nara-Zeit gegründet und diente dem mächtigsten Familienclan der Fujiwara als Familientempel. Auf dem Höhepunkt der Macht der Fujiwaras bestand der Tempel aus bis zu 150 Gebäuden. Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Lediglich eine drei- und eine fünfstöckige Pagode künden von einst ruhmreichen Zeiten. Die fünfstöckige Pagode ist mit 55 Metern Höhe die zweithöchste des Landes und wird nur noch von der des To-ji Tempels in Kyoto übertroffen. Dennoch gilt sie als Wahrzeichen und Symbol Naras.

Im Kofuku-ji Tempel in Nara
Im Kofuku-ji Tempel in Nara

Zufällig fand an diesem Tag ein Festival statt. Wie ich später herausfand, handelte es sich um das Kasuga Wakamiya On-Matsuri, welches immer vom 15. bis 18. Dezember im Wakamiya Jinja Schrein auf dem Gelände des Kasuga Taisha Shrine in Nara statt findet. Das bescherte mir zusätzlich zu den Tempeln weitere Eindrücke der reichen japanischen Kultur und Tradition.

Im Kofuku-ji Tempel in Nara
Im Kofuku-ji Tempel in Nara

Das Festival wurde zum ersten Mal im 12. Jahrhundert ausgetragen um für das Ende einer Seuche und für eine reiche Ernte zu beten. Es werden traditionelle darstellende Künste aufgeführt: Kagura (Shinto-Musik und Tanz), Dengaku (Musik), Bugaku (elegante Hofmusik und Tanz) und Sarugaku (der Vorläufer des Noh-Dramas).

Der Höhepunkt des Festivals ist der Festtag am 17. Dezember, der als Hon-Matsuri bekannt ist – und an dem ich in Nara unterwegs war -, an dem die Jidai Gyoretsu (Prozession der Epochen) ​​mit Kostümen aus der Heian-Zeit bis zur Edo-Periode (9. Jahrhundert bis 19. Jahrhundert) durch die Stadt zieht. Die Prozession umfasst rund 500 Teilnehmer als Priester, Samurai-Krieger in Rüstungen, Feudalherren (auch auf Pferden) gekleidet sowie Kostüme aus lokalen traditionellen Künsten.

Todai-ji mit Daibutsu

Vom Kofuku-ji Tempel ist es nicht weit bis zum Todai-ji (großer östlicher Tempel), dem größten rein aus Holz gebauten Gebäude der Welt. Seine mächtige Haupthalle ist mehr als 57 Meter breit, 50 Meter tief und über 48 Meter hoch. Und das sind nur ca. zwei Drittel der ursprünglichen Ausmaße des zerstörten und 1692 wieder errichteten Tempels. Mehr als 20.000 Bäume wurden allein für die Errichtung der Haupthalle verarbeitet. 728 wurde der Tempel gegründet, aber erst 749 fertiggestellt.

Nandaimon Tor des Todai-ji Tempel in Nara
Nandaimon Tor des Todai-ji Tempel in Nara

Er beherbergt zudem die größte Buddhastatue Japans, mit einer Höhe von 15 Metern und einem Gewicht von 452 Tonnen ein wahrer Koloss. Die Errichtung des Riesenbuddhas überstieg bei weitem die Kräfte des Landes. 50.000 Zimmerleute und 37.000 Metallschmiede wurden zu seinem Bau benötigt. Hügel mussten für den Standort eingeebnet werden und das hölzerne Gebäude, welches um ihn herum errichtet wurde, dominierte meilenweit die Landschaft. Eine derartige Zurschaustellung buddhistischer Macht lag ganz in des Kaisers Absicht.

Im Todai-ji Tempel in Nara (rechts der Daibutsu)
Im Todai-ji Tempel in Nara (rechts der Daibutsu)

Beim Betreten der Halle fühlt man sich geradezu in die alten Zeiten versetzt, in denen der Tempel von Leben erfüllt war und Mönche regelmäßig die Sutren rezitierten. Die Halle ist wirklich beeindruckend. Vor allem wenn man bedenkt, mit welchen Werkzeugen und Hilfsmitteln im 8. Jahrhundert solche Bauwerke errichtet wurden.

Der Tempel ist selbst heute noch der Haupttempel der Kegon-Sekte.

Kasuga-taisha Schrein

Im Kasuga-taisha Schrein in Nara
Im Kasuga-taisha Schrein in Nara

Der Kasuga Taisha Schrein, der das Festival beherbergt, wurde im Jahre 768 gegründet und ist Nara’s meist verehrter Shinto-Schrein. Der Weg zum Schrein verläuft durch den Nara-Park, wo Hirsche frei herumwandern, die als heilige Boten der Shinto-Götter verehrt werden, die den Schrein und die umgebenden Berge bewohnen.

Rehe im Kasuga-taisha Schrein in Nara
Rehe im Kasuga-taisha Schrein in Nara

Der Schrein ist berühmt für seine Laternen, die von Gläubigen gespendet wurden. Hunderte von bronzenen Laternen hängen von den Schreingebäuden und die Wege zum Schrein werden mit schönen Steinlaternen gesäumt.

Laternen im Kasuga-taisha Schrein in Nara
Laternen im Kasuga-taisha Schrein in Nara

Tōshōdai-ji Tempel

Er wurde im Jahr 759 vom chinesischen Mönch Jianzhen begründet. Der Tōshōdai-ji ist der Haupttempel der Ritsu-Sekte. Seine Architektur gilt als klassisches Beispiel für die Tempyo-Ära.

Im Toshodai-ji Tempel in Nara
Im Toshodai-ji Tempel in Nara

Die Vorlesungshalle stammt aus dem kaiserlichen Palast Naras und ist das letzte erhaltene originale Bauwerk daraus.

Yakushi-ji Tempel

Tenno Temmu plante im Jahre 680 den Bau des Yakushi-ji Tempels, um dort für die Genesung seiner kranken Frau zu beten. Fertiggestellt wurde er allerdings erst nach dem Tode Temmus im Jahre 697 oder 698 in Fujiwara, dem heutigen Kashihara. Nachdem Nara kaiserliche Hauptstadt wurde, wurde der Tempel 718 an seinen heutigen Standort verlegt und weiter ausgebaut.

Im Yakushi-ji Tempel in Nara
Im Yakushi-ji Tempel in Nara

Die östliche Pagode scheint sechsstöckig (im Foto leider nicht ganz so gut zu erkennen), es sind allerdings nur drei Stockwerke. Die anderen „Stockwerke“ sind zusätzliche Zwischendächer und kleiner als die echten Stockwerke. Bemerkenswert ist allerdings die 10 Meter hohe und drei Tonnen schwere Spitze, die verschiedene religiöse Bedeutungen in sich vereint, als Blitzableiter dient und für die Stabilität der Pagode sorgt.

Gangō-ji (ältester buddhistischer Tempel Japans)

Ein weiterer sehenswerter Tempel in Nara ist der Gango-ji, bei dem es sich um den ältesten buddhistischen Tempel Japans handelt. Er wurde bereits zwischen 593 und 596 erbaut.

Leider habe ich es nicht geschafft, mir diesen Tempel anzuschauen. Aber ein Tag ist für Nara schon ziemlich knapp. Bei den beschriebenen Tempeln und Schreinen handelt es sich teilweise um Nationalschätze Japans oder sogar UNESCO Weltkulturerbestätten.

Nara sollte bei keiner Japanreise fehlen. Denn hier bekommt man einen sehr guten Eindruck von der Entstehung der japanischen Kultur und der Verbreitung der beiden bestimmenden Religionen Buddhismus und Shintoismus.

Am Ende des Tages blieb mir noch die Fahrt nach Kyoto, meiner nächsten Station. Aber dazu später mehr.

Meine Ziele in Nara im Überblick