Onsen – eine japanische Tradition

Natürliche heiße Quellen (温泉, onsen) sind zahlreich und sehr beliebt in Japan. In jeder Region des Landes gibt es heiße Quellen. Ein japanisches Sprichwort besagt: „Wenn man in Japan tief gräbt, stößt man immer auf eine heiße Quelle.“

Sie unterscheiden sich durch die im Wasser gelösten Mineralien. Verschiedene Mineralien bieten unterschiedliche gesundheitliche Vorteile, und alle heißen Quellen sollen eine entspannende Wirkung auf den Körper und Geist haben. Viele traditionelle Unterkünfte, Ryokans, haben eigene Thermalquellen, während andere öffentliche Badehäuser sind. Eine Übernachtung in einem Ryokan mit Onsen ist ein sehr empfehlenswertes Erlebnis.

Heißes Wasser aus der Erde wurde von alters her als etwas Göttliches angesehen, und so hat der Schintoismus zahlreiche Götter in den Onsen ausgemacht und ihnen dort entsprechende Schreine gewidmet. Pilger reinigen sich noch heute zunächst im Thermalwasser, bevor sie am Schrein ihre Gebete und Wünsche für die Zukunft präsentieren.

Geschichte der Onsen

Seit ungefähr 710 nach Christus gibt es Onsen. Auch die Samurai stiegen vor und nach dem Kampf ins heiße Bad, um sich zu stärken, ihre Wunden zu lecken oder göttlichen Beistand für die nächste Schlacht zu erbitten. Sogar die Makaken, eine Affenart, suchen zur Winterzeit warme Quellen auf, um sich zu wärmen. In der Nähe der Olympiastadt Nagano hat eine ganze Horde von mehr als 200 Tieren ein großes Thermalbecken zum winterlichen Standquartier auserkoren.

Erst in der Edo-Ära im siebzehnten Jahrhundert öffneten sich die Onsen für die Allgemeinheit: Es war der einzige Ort, an dem es warmes Wasser für die Körperhygiene gab. Bambus ersetzte die Zahnbürste. Naturschwämme wurden zur Körperreinigung eingesetzt. Seife war noch unbekannt. Früher badeten Frauen und Männer gemeinsam. Mitte des 19. Jahrhunderts, nach der Öffnung Japans, bezeichneten die prüden Engländer und Amerikaner diese Sitte als „barbarisch“. Seither wird überwiegend getrennt gebadet, da die Japaner diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen wollten.

Wie bei uns die Saunen haben viele Onsen in den letzten zwanzig Jahren auch Entertainment-Charakter bekommen. Man trifft sich – Winters wie Sommers – mit Freunden zum Entspannen und Palavern. Zuweilen sind auch Sauna, Dampfbad oder Kaltwasserbecken dazu gekommen. Und ins Wasser werden inzwischen – entgegen der Tradition – auch Zusatzstoffe gegeben, etwa Kräuter oder saisonales Obst. Wer vorangeht, wie oft man sich verbeugt und wie man jemanden anredet, das sind schon bekannte Verhaltensregeln. Doch in Japan lernt man nie aus.

Eine kleine Anleitung für den Onsenbesuch

Wenn Sie in einem Ryokan übernachten, fragen Sie am besten, wann es Abendessen gibt und wann Sie am besten den Onsen besuchen sollten. Falls Sie Tattoos haben, überkleben Sie ein kleines mit einem Pflaster oder fragen nach, ob es in Ordnung ist, sich damit im Onsen zu zeigen. Oft herrscht Tattooverbot, da Tattoos Zugehörigkeiten zu japanischen Mafiaclans symbolisieren können und man durch ein Tattooverbot den Mafiosi den Eintritt verwehren will. Für Touristen drückt man da aber eventuell ein Auge zu. Manche Onsen sehen das mittlerweile auch nicht mehr so eng. Nachdem man in den Yukata, einen Bademantel, der in Ryokans traditionell getragen wird, geschlüpft ist, geht auf zu den Umkleiden.

In den meisten oder in fast allen Badehäusern gibt es strikte Geschlechtertrennung. Darauf sollte beim Betreten der Umkleiden geachtet werden. Stehduschen findet man eher selten. Dafür immer Duschen mit einem kleinen Hocker dafür. Bis heute hocken die Japaner auf diesem winzigen Schemel im Waschraum, schrubben sich ab, was das Zeug hält, gießen literweise Wasser aus einem Bottich über den Körper und beginnen abermals mit der peniblen Körperhygiene. Alle sind nackt. Und damit sind alle auch gleich. Eine echte Ausnahme im sonst eher prüden Japan: Onsen sind deshalb auch die einzigen Örtlichkeiten, in denen ein Junger vor einem Alten etwa ein Becken betreten darf, ohne einen gravierenden Etiketteverstoß zu begehen, oder wo der Geschäftsführer mit einem seiner Arbeiter vom Fließband von Angesicht zu Angesicht im Wasser badet. Es gibt keine Verbeugungen oder andere der sonst üblichen Respektsbezeugungen.

Wenn man einem Japaner dabei zusieht, wie inbrünstig, intensiv und sorgfältig er sich reinigt, bevor er ins Onsen steigt, könnte man meinen, wir Deutschen dagegen wären Schmutzfinken. In manchen japanischen Hotels ist vor der Dusche oder der Wanne bis heute ein Abfluss, weil sich viele Japaner schon vorher waschen. Dieser Habitus ist dem Onsen geschuldet, wonach man niemals ohne vorherige gründliche Körperreinigung in ein Becken steigt.

Neben den Reinigungsutensilien findet man meist ein normal großes Badetuch, das in der Umkleide bleibt, und ein kleines Handtuchvor, um die Blöße zu bedecken und sich vor Verlassen des Badebereichs schon abzutrocknen. Nur mit dem kleinen Handtuch bewaffnet begibt man sich ins heiße Becken. Wer jetzt noch etwas angeben will, kann das kleine Badetuch mit kaltem Wasser befeuchten, falten und zur Kühlung auf den Kopf legen. Oder zum Abkühlen einfach etwas außerhalb des Wassers spazieren oder in ein kühles Becken setzten wenn es denn eines gibt und nach Belieben wieder zurück ins heiße Becken. Aber auf keinen Fall das kleine Handtuch ins Wasser tauchen. Auch das ist verpönt.

Nach den heißen Bädern schlüpft man wieder in den Yukata und begibt sich in den Ruheraum und entspannt.

Am Ende gilt ein japanisches Sprichwort:

„Ein Onsen heilt alles, nur die Liebe nicht.“

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