Selbstmord in Japan

Im Zusammenhang mit Japan wird immer wieder das Thema Selbstmord genannt. Doch warum ist Selbstmord in Japan so ein großes Thema? Das möchte ich mit diesem Artikel ein wenig beleuchten.

Zunächst ein paar Fakten, um die Bedeutung des Themas zu verdeutlichen. Laut WHO begeht weltweit alle 40 Sekunden eine Person Selbstmord. Jährlich bedeutet das etwa 1 Million Suizidopfer. Männer begehen dreimal häufiger Suizid als Frauen.

Japan liegt im internationalen Vergleich mit seiner Suizidrate (pro 100.00 Einwohnern) noch nicht einmal an der Spitze, aber leider noch in den Top Ten.

Unter allen 35 OECD-Staaten wurde es jedoch in den letzten Jahren von Südkorea von seinem Spitzenplatz verdrängt. Dort sind die Ursachen aber durchaus mit denen in Japan vergleichbar.

2012 veröffentlichte Rene Duignan den Dokumentarfilm „Saving 10.000“ über Selbstmorde in Japan. Ca. 10 % bis 20 % der Menschen, die in der Notaufnahme eingeliefert werden, haben versucht sich das Leben zu nehmen, schätzt dort ein Experte.

Selbstmord in Japan – Historischer Hintergrund

Selbstmord in Japan hat nichts unehrenhaftes. Eher im Gegenteil. Bereits zu Zeiten der Samurai galt Selbstmord als ehrenvoller Tod. Ab etwa der Mitte des 12. Jahrhunderts war der ritualisierte Suizid (Seppuku) in der Schicht der Samurai weit verbreitet, bis er 1868 verboten wurde. So konnte damals ein Mann, der wegen einer Pflichtverletzung sein Gesicht verloren hatte, durch Seppuku die Ehre seiner Familie wieder herstellen. Weitere Gründe waren unter anderem als Strafe für einen Gesetzesverstoß (siehe auch im Artikel über den Sengakuji Tempel) oder das so genannte oibara, bei dem herrenlose Samurai ihrem verstorbenen bzw. getöteten Daimyo in den Tod folgten, falls dieser es ihnen schriftlich erlaubt hatte. Auch im traditionellen Kabuki-Theater ist Selbstmord allgegenwärtig, oftmals sind sogar Doppelselbstmorde üblich.

Selbstmord in Japan – Heutiger Hintergrund

Heutzutage spielen weitere Gründe eine Rolle. Japan ist ein Land, in dem alles funktioniert, ein reibungslos laufender Motor. Das bedeutet auf der einen Seite einen hohen Lebensstandard, der sich in Konsum, Lifestyle und Unterhaltung niederschlägt, auf der anderen Seite aber harte Arbeit und ein Unterordnen der gesellschaftlichen Maxime der Harmonie.

Der hohe Druck beginnt bereits in jungen Jahren, wenn die Kinder zur Schule gehen. Für die künftige berufliche Entwicklung ist nichts wichtiger als ein Studienplatz an den „Big Five“, den namhaftesten Universitäten in Kyoto und Tokio. Diese haben sehr schwere Eignungstest, für dessen Bestehen die Schüler zusätzlich zum normalen Unterricht private Nachhilfe in Anspruch nehmen. Der Tag eines japanischen Schülers endet oftmals erst gegen 22 Uhr, wenn er die so genannte „Paukschule“ hinter sich hat. Laut einer OECD-Studie kommen Schüler in Japan auf durchschnittlich 49,43 Wochenstunden im Vergleich zum OECD-Durchschnitt mit 33,92 Wochenstunden. Statistiken zeigen, dass die Suizidrate unter Schülern gerade im Frühjahr und im Herbst – jeweils nach den Ferien – stark steigt, weil nun wieder der Druck der Schule zunimmt.

Arbeitsleben in Japan

Ein weiterer Grund für Selbstmord in Japan ist das Karrieresystem in den großen Unternehmen. Der Einstieg gelingt am besten mit dem Abschluss an einer der fünf Universitäten. Oftmals haben die Unternehmen feste Einstellungsquoten für die Absolventen dieser Hochschulen, während andere Kriterien nicht solch ein große Rolle spielen. Hat man erstmal die erste Hürde genommen, wechselt man in der Regel alle drei bis fünf Jahre die Abteilung oder den Posten, um so kontinuierlich die Karriereleiter hochzusteigen. Hilfreich ist dabei natürlich, wenn man mindestens genauso lang wie der Vorgesetzte im Büro verweilt, auch wenn eventuell nichts mehr zu tun ist. Das ist angeblich immer noch weit verbreitet in japanischen Unternehmen, auch wenn erste Unternehmen gegensteuern. So hat Calbee, ein auf Konsumgüter spezialisierter Konzern, begonnen, – auch aus Fürsorgegesichtspunkten – seine Mitarbeiter auch mal früher in den Feierabend zu schicken, wenn die Arbeit erledigt ist. Genauso setzt sich Calbee für die Gleichstellung der weiblichen Mitarbeiterinnen ein, was in Japan heutzutage leider keine Selbstverständlichkeit ist. Hier herrscht oft noch ein konservatives Rollenbild, das der Frau die Rolle der Hausfrau und Mutter zuschreibt.

Ein eigenes Wort für Selbstmord wegen Überarbeitung: „karoshi“

Vor einiger Zeit geriet folgender Fall in die Schlagzeilen: Ein junger Mann beging Selbstmord, weil er im neuen Job unglücklich war, aber weder die Abteilung wechseln, noch eine Auszeit nehmen durfte. Männer um die 30 sind laut Studien am meisten suizidgefährdet. Unter der arbeitenden Bevölkerung häufen sich Suizide am Monatsende, wenn die Pflichten erfüllt sind.

Laut Gesetz sind 2.000 Arbeitsstunden pro Jahr sowie 10 Tage Urlaub, aber nicht mehr als 20 Tage im Jahr erlaubt. Das liegt daran, dass Japan rund 18 Feiertage pro Jahr hat, von denen ca. 15 auf einen Wochentag fallen, sodass die Anzahl der freien Tage mit 25 bis 35 mit denen in Deutschland durchaus vergleichbar ist. Was die OECD-Statistik allerdings nichts zeigt ist, dass laut einer Umfrage unter japanischen Arbeitnehmern durchschnittlich 2.500 Stunden pro Jahr gearbeitet wurden. Ein Sechstel der Befragten gab sogar an, 3.100 Stunden im Jahr gearbeitet zu haben. Dazu nehmen sich die für Deutschland ermittelten 1.330 Stunden geradezu lächerlich aus.

In Japan gibt es sogar ein eigenes Wort für Selbstmord durch Überarbeitung: karoshi. Laut einem Regierungsbericht leisten in 23 % der Unternehmen einige Mitarbeiter mehr als 80 Überstunden pro Monat. (Die Daten basieren auf Antworten von 1743 der 10.000 zwischen Dezember 2015 und Januar 2016 befragten Unternehmen. Zudem wurden die Angaben von rund 20.000 Mitarbeitern ausgewertet.)

Hinzu kommt eine lange Lebensarbeitszeit. Das gesetzliche Renteneintrittsalter liegt bei 65 Jahren. Das tatsächliche liegt durchschnittlich bei 69,7 Jahren. Weitere Gründe für die Selbstmorde sind gesundheitliche Beeinträchtigungen (mehr als die Hälfte), familiäre Probleme und Arbeitslosigkeit. Der Verlust des Arbeitsplatzes führt nicht selten zu einer Kettenreaktion. Neben der finanziellen Not spielt die Isolierung vom sozialen Umfeld eine Rolle. Zudem wird der Bezug von Sozialhilfe als Schande empfunden. So stellt letztlich der Freitod die scheinbar einzig bleibende Option dar. Da anders als in Deutschland die Lebensversicherungen auch bei Suizid zahlen, können die Selbstmörder so häufig zumindest die finanziellen Probleme ihrer Angehörigen lindern.

Wirtschaftlicher Schaden

Neben den persönlichen Schicksalen bedeuten die vielen Suizide auch wirtschaftlichen Schaden. So wurden im Jahr 2009 durch Selbstmord und Depressionen ca. 2,7 Billionen Yen (= 25 Milliarden Euro) Schaden angerichtet. Jährlich nehmen sich etwa 2.000 Menschen das Leben, in dem sie vor einen Zug springen. Das sind pro rund 5,5 Suizide. Das japanische Verkehrssystem ist jedoch weit stärker befahren als beispielsweise das deutsche. So nutzen täglich 8 Millionen Menschen das Tokioter Nahverkehrsnetz. Da kann ein Suizid zur Hauptverkehrszeit rasch zum Chaos führen. Deshalb gilt im JR East System die Vorgabe, 30 Minuten nach einem Vorfall muss der Betrieb wieder reibungslos laufen. Die Tokioter Metro lässt sich die Prävention einiges kosten. So hat sie an den Gleisen Spiegel installiert, um damit Selbstmörder im letzten Moment vor dem tödlichen Schritt zu bewahren. Zusätzlich sind in vielen Bahnhöfen die Gleise nicht mehr frei zugänglich. Sondern es gibt eine Barriere, deren Türen nur geöffnet werden, wenn eine U-Bahn mit ihren Waggons direkt davor steht.

Zugangssperre in der Metro
Zugangssperre in der Metro

Einen anderen Weg geht man in Shinjuku, dem mit 3 Millionen Passagieren täglich meist frequentiertesten Bahnhof der Welt. Hier werden potentielle Selbstmörder auf die Auswirkungen ihrer Tat aufmerksam gemacht. Schilder mit dem Hinweis „Bitte springen Sie nicht zur Hauptverkehrszeit“ mussten allerdings nach Protesten wieder entfernt werden. Die Bahngesellschaften kommt so ein Selbstmord teuer zu stehen. Laut Verkehrsministerium kostet eine durch Suizid verursachte Bahnstörung durchschnittlich 89 Millionen Yen (= 750.000 Euro). Das hat dazu geführt, dass seit ein paar Jahren die Angehörigen für den finanziellen Schaden zur Kasse gebeten werden können. Das soll der Abschreckung dienen. Die Bahngesellschaft Keikyu, die Tokio mit Kawasaki, Yokohama und Yokosuka verbindet, verlangt maximal eine Million Yen (= 8.500 Euro) von den Hinterbliebenen.

Maßnahmen zur Verringerung der Selbstmorde

2006 wurde angesichts der konstant hohen Suizidzahlen von durchschnittlich mehr als 30.000 pro Jahr ein Gesetz zur Suizidprävention eingeführt. Jährlich stehen demnach 150 Millionen Yen (= 1,26 Millionen Euro) für präventive Maßnahmen zur Verfügung. So wurden beispielsweise auf NHK, dem einzigen öffentlich-rechtlich Fernsehsender Japans, Fernsehspots ausgestrahlt, die um mehr Zusammenhalt in der Familie werben.

2012 überarbeitete die Regierung ihre Kampagne erstmals. Offensichtlich mit größerem Erfolg als bisher. Laut dem japanischen Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Sozialwesen geht die Selbstmordrate seitdem kontinuierlich zurück. So wurden im Jahr 2014 noch 25.374 Suizide (nach Angaben der nationalen Polizeibehörde) verzeichnet, davon die meisten in Tokio, Nagoya und Osaka.