Was Jizo und die Wasserkinder mit Familienplanung in Japan zu tun haben

Verhütung spielt in Japan keine große Rolle. Verhütet wird, wenn überhaupt, mit Kondom. Aber auch darauf wird oftmals verzichtet. Viele lassen es einfach darauf ankommen. Die Übertragung von Krankheiten per Geschlechtsverkehr wird oft als Problem der Ausländer abgetan. Medienberichten zu folge soll es jedoch gerade unter jungen Frauen relativ hohe Übertragungsraten von sexuell übertragbaren Krankheiten geben.

Einführung der Antibabypille erst 1999

Erst 1999 wurde die Antibabypille in Japan eingeführt. Das Zulassungsverfahren verzögerte sich immer wieder und zog sich letzten Endes mehrere Jahrzehnte hin. Zum einen trug die Angst vor einer weiter abnehmenden Geburtenrate dazu bei. Denn Japan hatte bereits Anfang der 1990er eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit. Andererseits befürchteten gerade Feministinnen Einschränkungen der bis dahin sehr liberalen Abtreibungsrechte.

10 Jahre später nahmen erst 3 Prozent der zwischen 16 und 49 Jahre alten Japanerinnen die Pille, verglichen mit 44 Prozent in Frankreich und 18 Prozent in den USA. Selbst heute liegt die Nutzung bei unter 10 Prozent. Die Angst vor Nebenwirkungen und das die Antibabypille dick macht sind Gründe dafür. Und das in einem Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung sehr schlank ist: ein Graus.

Japanischen Ärzten scheint auch kaum bekannt zu sein, dass die Pille gegen Akne und Regelschmerzen eingesetzt werden kann. Das sie überhaupt zugelassen wurde, verdankt sie der Einführung von Viagra. Dessen Zulassungsverfahren wurde innerhalb eines halben Jahres „durchgepeitscht“. Deshalb musste sich das zuständige Ministerium Vorwürfe der Scheinheiligkeit gefallen lassen. Vor allem aber fehlt es an Aufklärung.

Abtreibung als Bestandteil der Familienplanung

Das führt mich nun zum nächsten Thema: Abtreibung. Gut 500.000 Abtreibungen werden laut UN-Angaben pro Jahr in Japan durchgeführt. Etwa ein Viertel der verheirateten Japanerinnen haben bereits eine Abtreibung hinter sich, davon die Hälfte bereits mehrfach. Daran verdienen die Gynäkologen sehr gut, so dass sie gar kein gesteigertes Interesse daran haben, die Pille zu verschreiben. Zumal die Kosten hierfür nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Und diese sind nicht so gering wie in Deutschland.

Jizo und die Wasserkinder

Jetzt sind wir beim eigentlichen Kern der Geschichte: Jizo ist neben Kannon eine der populärsten Bodhisattva-Figuren Japan’s. Im Vergleich zu Kannon ist er vielleicht nicht so mächtig, aber dafür vertrauter und alltäglicher. Alle haben das Aussehen eines buddhistischen Mönchs mit kahl gescho­renem Schädel (was eine große Ausnahme unter Bodhisattva-Figuren darstellt). In seinen Händen hält Jizo meist einen Pilgerstab und/oder eine Wunsch­er­füllungs­perle. Oft wird Jizo außerdem jugendlich oder sogar kindlich dargestellt.

Seine Popularität hängt stark mit seiner Rolle als Begleiter der Toten auf dem Weg in die Unterwelt zusammen. Zahlreiche Legenden erzählen, wie er die Sünder, die dort eigentlich mehrere Erdzeitalter lang schmoren müssen, auf seine Lotusblüte holt und von ihren Qualen errettet. Daher findet man die meisten Jizo-Statuen auch auf Friedhöfen. Oftmals stehen mehrere hundert Jizo-Statuen beieinander und werden auch Jizo-Armeen genannt.

Jizo-Statuen im Daisho-in Tempel in Miyajima
Jizo-Statuen im Daisho-in Tempel in Miyajima

Im Grunde spielt Jizo jedoch eine Doppelrolle im buddhistischen Jenseitsglauben. Jizo ist demnach sowohl für die Ver­ur­tei­lung als auch für die Gnade gegenüber jenen, die gegen die Gebote des Buddhismus verstoßen haben, verantwortlich. Als Retter der Seelen nimmt er sich all jenen an, die kein ordentliches Begräbnis erhalten. Im Speziellen ist er Schutzpatron für die ungeborenen (abgetriebenen) und früh verstorbenen Kinder. Diese nennt man „Wasserkinder“. In der japanischen Mythologie sind die Seelen ungeborener oder totgeborener Kindern unfähig, den mythologischen Fluss Sanzu auf ihrem Weg zur Unterwelt zu überschreiten, sie verbleiben in einer Art Zwischenwelt. Jizō soll diese nun finden und über den Fluss bringen.

Deshalb gibt es auf vielen Friedhöfen und in vielen Schreinen und Tempeln eigene Areale für diesen Kult. Hier können Eltern abgetriebener oder früh verstorbener Kinder kleine Jizo-Statuen aufstellen, die zum Teil mit roten Schals oder Lätzchen eingekleidet werden. Das soll es Jizo ermöglichen, die Kinder anhand des persönlichen Geruchs in der Vorhölle zu identifizieren, um sie daraus zu retten und ins Paradies zu bringen.

Ein bedeutender Friedhof mit vielen Jizo-Statuen findet sich unter anderem im Hase-dera Tempel in Kamakura oder im Daisho-in Tempel auf Miyajima.

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